5-17-07 Mittwoch London at The Underworld    

Die Reise nach London würde sich als das allergrößte meiner Abenteuer herausstellen. Der sehr schnelle Flug von Hamburg nach London war tatsächlich kürzer als die Zeit von der Ankunft bis zu unserer Abfertigung am Heathrow Airport. Aber bald schon werden wir in einen weißen Spprinter verladen und sind auf der völlig falschen Straßenseite auf dem Weg zu The Underworld. Die Engländer sagen natürlich, dass alle anderen außer ihnen auf der falschen Seite fahren. Unsere Gastgeber hatten weinerlichen Plastikpop und Dance der allerschlimmsten Sorte laufen, mit das grausamste, was ich je auf einer Autofahrt gehört habe.

Im Club brachten wir den Soundcheck hinter uns, und ich war sehr froh, dass der Gitarrist von Abbatoir mir seinen coolen Marshall Amp zur Verfügung stellte. Endlich mal so richtig Schwung! Abbatoir ist eine Band, die Abba im Heavy Metal-Style covert; ziemlich abgefahren.

Nach dem Soundcheck traf ich mich mit meiner Freundin aus Stuttgart, Elke, und wir nahmen die U-Bahn, um uns die Tower Bridge anzuschauen. Es war so aufregend, an diesem wunderschönen Tag in London zu sein. So aufregend, dass ich die Zeit vergaß und mich sehr beeilen mußte, rechtzeitig zum Auftritt zu kommen.

Das Publikum war grandios und trieb uns mit seiner Energie dazu, heftiger denn je zu rocken. Gleich nach der Show schlüpfte ich aus meinem verschwitzen Sgt. Pepper-Mantel und machte mich auf, um mit den Leuten zu reden, aber sie alle waren gegangen. Später aber würde ich es verstehen, nachdem man mir die Phrase “Die Spaßbremsen haben uns rausgeworfen” näherbrachte. Trotz alem kam ich noch dazu, mich draußen vor dem Laden für eine Weile mit ein paar faszinierenden Briten zu unterhalten. Doch bald mußte ich wieder rein, um die Ausrüstung zusammenzupacken, diesmal nicht nur für den Transport zum Hotel, sondern für die lange Heimreise. So brauchten wir ein wenig mehr Zeit.

Nachdem wir den Transporter beladen hatten, wußte ich, dass ich nicht einfach nur ins Hotel zurück gehen und auf morgen würde warten wollen. Ich konnte einfach nicht nach Hause fahren, ohne alle wichtigen Orte Londons gesehen zu haben. Unsere Londoner Ansprechpartnerin Lissa gab mir daraufhin freundlicherweise eine Karte, auf deren Rückseite sie den Namen des Hotels vermerkte. Sie sagte mir, dass jeder das Hotel kennen würde und es direkt neben dem Flughafen Heathrow liegen würde. So treffe ich mich wieder mit Elke für einen aufregenden Spaziergang durch die Straßen von London. Als ich losgehe, klingen mir noch die Worte der Briten im Kopf: “Wir warnen dich bloß ...du kannst nicht die U-Bahn nehmen”, sagten sie mir “denn die fährt ab Mitternacht nicht mehr”. Es ist 23:58 Uhr.

Nun gut, Klasse ...schlagt eure U-Bahn-Pläne auf Seite eins auf. Ich stieg hier in Camden Town" ein, schob mein U-Bahn-Ticket in den Automaten, um den Durchgang zu passieren,

und ich war drin! Ich wollte Elke am "Covet Garden" treffen, also stieg ich um, und nacch einer verzwickten Fahrt, während der mir die Londoner Bevölkerung eine große Hilfe war, kam ich recht munter an der Haltestelle Covet Garden an. Es war schon gut nach Mitternacht, und trotzdem hatte die U-Bahn mich dahin gebracht, wo ich hin mußte. God Save the Queen!

Die Suche nach einem Restaurant stellte sich angesichts der späten Stunde als ein wenig schwierig heraus, aber wir finden schließlich einen schäbigen Laden, wo man uns nicht gestattet, draußen in der wunderbaren Nachtluft zu sitzen. Wir wollten fast schon gehen, aber entscheiden, dass dies unsere letzte Chance auf etwas zu essen sein könnte. Gurkensandwichs und Apfelpizza auf der Speisekarte sind mir neu. Als sturer Yankee, der ich bin, bestelle ich mir also Pommes Frites, und Elke nimmt ein Sandwich. Nach all dem Herumgelaufe heute sind wir glücklich, zu sitzen, doch schließlich setzt man doch wieder vor die Tür.

Wir liefen einige sehr verwinkelte Straßen in Richtung Süden, unterhielten uns und machten Scherze, wie gefährlich der Straßenverkehr doch sein kann. An jeder Kreuzung ist “nach links schauen” oder “nach rechts schauen” als aufmerksamkeitsheischende Warnung auf die Straße geschrieben, damit man nicht draufgeht. Aber sogar wenn die Ampeln grün sind und man loslaufen will, schaut man besser noch einmal sehr genau nach Autos. Sie scheinen die Ampeln nicht zu interessieren. Wir wandern nun ein wenig herum und stoßen auf einige klassische Londoner Ecken. Fast durch Zufall ragt auf einmal Big Ben an der Straße auf, und wir lächeln beide über unser glückliches Geschick. Wir passieren einige andere schöne Kirchen und Denkmäler auf dem Weg und kommen schließlich wieder an die Themse. Hier haben wir das Millennium Wheel, den wunderschönen Fluß und viele andere faszinierende Bauwerke.

Das Laufen hat uns sehr erschöpft, und es ist auch bereits drei oder vier Uhr morgens, also setzen wir uns auf eine Parkbank am Flußufer und unterhalten uns dort weiter. Als wir einen Moment schweigen, bietet sich uns ein aufregendes Schauspiel: Zwei winzigkleine enlische Mäuse kommen unter ein paar Steinen am Ufer hervor. Es sind Fußwegsteine, die kein gutes Mäuseheim abgeben, aber hier spielen die Kleinen im Dämmerlicht des Morgens. Sie nähern sich uns, um zu schauen, ob wir hierher gehören. Und es scheint, dass dem so ist.

Danach nehmen wir ein Tai und fahren zurück zur Haltestelle "Liverpool Street", wo Elke ihre Bahn nehmen muß. Wir nehmen zärtlich Abschied, und ich stelle mich wieder einmal der mächtigen U-Bahn. Es ist fünf Uhr morgens, und ich habe viel Zeit, um das Hotel bis um neun zu erreichen. Die U-Bahn-Haltestelle ist nur einen halben Häuserblock entfernt und alles geht gut. Bis ich den Eingang errreiche, wo ein Schild verkündet: “Diese Haltestelle ist bis 7 Uhr geschlossen”. Unmöglich, hier zwei Stunden lang faul herumzusitzen und zu warten, und so hole ich meinen zwei Pfund teuren Touristenstadtplan aus meiner Tasche und versuche, zur nächsten Station, “Moorgate, zu kommen. Ich brauche einige Zeit, um meine Position zu bestimmen, denn die Karte ist sehr simpel gehalten und die Straßen sind sehr chaotisch, aber dann finde ich die Haltestelle und trete durch ihren hellerleuchteten Eingang. Aber niemand ist da und der Ticketautomat scheint kaputt zu sein, also mache ich mich wiederum zur nächsten Haltestelle auf.

Die Station namens Barbican stellte sich als meine Rettung heraus, und ein netter englischer Gentleman zeigte mir, dass man zuerst ein Ticket wählen muss, ehe der Automat das Geld nimmt. Ich muss wirklich sehr erschöpft gewesen sein, denn ich kann nicht einmal behaupten, dass ich die Anleitung lesen konnte. Vielleicht aber bin ich auch nur zu sehr daran gewöhnt, dass alles auf Deutsch geschrieben steht? Während ich auf die Bahn wartete, dachte ich über meine knifflige Fahrt auf der Piccadilly-Strecke nach. Dann traf ich auf einen sehr großzügigen und freundlichen englischen Burschen namens David. Auch er mußte nach Heathrow, und auf der Fahrt unterhielten wir uns über seinen Film und Beatallica.

Ich steige am Heathrow Terminal 4 aus und beginne mit der Aufgabe, das Hotel zu finden. Die erste Person, die ich danach frage, hat noch nie davon gehört. Die zweite Dame informiert mich sehr freundlich darüber, dass es Dutzende Hotels dieses Namens gibt, versichert mir aber, dass keines davon auch nur in der Nähe des Flughafens ist. Hmmm? Also frage ich einen Taxifahrer, denn diese Jungs wissen alles. Der Fahrer des ersten Taxis in der Schlange sagt mir, dass das Hotel etwa zehn Meilen entfernt ist, ABER dass man die ganze Strecke auf der Schnellstraße hin und wieder zurück laufen müßte, um auf die andere Seite zu kommen, wo das Hotel ist. Das, so informiert er mich, kostet 60 Pfund! Über 100 Dollar! Als ich feststelle, dass ich nicht einmal 20 Pfund habe, wikrd mir klar, dass ich hier am Flughafen festhänge.

Ich weiss nicht, ob ihr mit europäischen Telefonnummern vertraut seid, aber ich kann euch versichern, dass ich es nicht bin. Sie sehen in etwa so aus...

++44 (0) 67-7574-3467-5729

...und jemanden anzurufen ist sehr schwierig, wenn man mehr als nur erschöpft von 20 Meilen Fußweg ist und etwa zwei Tage nicht geschlafen hat. Als ich die Nummer auf der Karte ausprobiere, die Lissa mir gegeben hat, erreiche ich eine Holdinggesellschaft, für die nie eine Lissa gearbeitet hat. Ich versuche die Nummer mehrmals, mit demselben Ergebnis. Nun muss ich nach Hilfe fragen. Ich gehe also zu einer älteren Dame im Flughafen und beginne “Entschuldigen Sie mich, aber ich muss einen Anruf tätigen und...”. Sie unterbricht mich mit “Es tut mir leid, aber ich habe kein Geld für Sie.” Ich schaue an mir herab, lächle und muss zugeben, dass sie recht hat, denn ich sehe wirklich ein wenig wüst aus. “Nein, nein”, sage ich, “ich frage mich nur, wie Sie diese Nummer hier wählen würden” und zeige ihr die Karte, die ich mdie letzten Stunden über so verzweifelt festgehalten habe. "Ooooh", sagt sie mit einem musikalischen britischen Akzent. “Sie lassen die Ländervorwahl weg und kümmern sich auch nicht um die Null. “Dankeschön" sage ich und eile zu einem Telefon, um mein Glück zu versuchen.

Und als ich die Nummer diesmal anrief, klappte es wirklich! Ich spreche mit Lissa und bitte sie, die Nachricht weiterzureichen, dass ich den Rest der Band am Flughafen treffen würde. Nach einer lange Wartezeit, während der ich alles über das Terminal von British Airways und seine zahllosen Flugplandisplays lerne, treffe ich die Jungs. Wir checken unser Gepäck ein und machen uns auf den Heimweg. Als ich in meinen Sitz im hinteren Bereich einer sehr großen 747 falle, entspanne ich mich zum ersten Mal nach vielen Stunden. Ich schlummere im Flugzeug ein wenig, und nach knapp siebeneinhalb Stunden schaue ich auf die seltsamen gebäude Chicagos. Fast wie ein anderer fremdländischer Ort, mit seinen gittermusterartig angeordneten Straßen und den Flachdächern. Aber das war kein fernes Land... das war mein Zuhause.

Die Sonne geht über der Themse auf, und das Millennium Wheel streckt sich ihr zu einem Willkommensgruß entgegen.

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